Warum wir bestehende Lehrformate nicht einfach digitalisieren dürfen - Prof. Dr. Markus Schwarz

Markus Schwarz ist Professor mit dem Schwerpunkt Außenhandel und hat im März diesen Jahres bei der Hochschule Karlsruhe – Technik und Wirtschaft angefangen. Davor war er 26 Jahre in verschiedenen Rollen bei der SAP SE tätig – meistens jedoch im internationalen Vertrieb. Einer seiner Interessenschwerpunkte ist die digitale Globalisierung, d. h. der Einfluss digitaler Technologien auf die internationalen Waren- und Dienstleistungsströme aus makroökonomischer Sicht sowie auf die Strategien einzelwirtschaftlicher Internationalisierung.

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Digitale Lehre heißt nicht Digitalisierung der Lehre, wie sie ist! Was muss beachtet werden, wenn mehr und mehr digitale Lehrformate Einzug in den Alltag erhalten?

 

Ich sehe hier eine Parallele zur (oft schlecht gemachten) digitalen Transformation in Unternehmen: Digitale Technologien und IT auf existierende Geschäftsmodelle und Prozesse zu „klatschen“, ist teuer und führt garantiert zu einem Qualitätsverlust und zu einem geringeren Mehrwert für die Kunden.

Es ist auch eine vergebene Chance und führt langfristig zu einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Man muss also die Geschäftsmodelle und Prozesse ändern, und zwar nicht im Sinne von Anpassung, sondern im Sinne einer Neuerfindung, um die Potenziale digitaler Technologien zu realisieren.

Bei der digitalen Lehre muss es das Ziel sein, Lernformate neu zu durchdenken, den Ablauf und das Timing zu verändern, die Rollenverteilung zwischen Dozenten und Hörer*innen zu hinterfragen und die verschiedenen Tools zielgerichtet einzusetzen; so, dass am Ende ein klarer Mehrwert für die Hörer und Hörerinnen erreicht wird.

Photo by Pixabay

Welche zusätzlichen Fertigkeiten können durch den richtigen Einsatz digitaler Lehrmethoden vermittelt werden? Welche neuen Möglichkeiten entstehen dadurch?

 

Ich muss hier vorab betonen, dass ich kein Befürworter einer 100 % digitalen Lehre bin, sondern ein hybrides Lernkonzept favorisiere. Es geht nicht darum, die Schwächen von Präsenzformaten auszugleichen oder diese ganz zu ersetzen. Vielmehr sollte man deren Stärken mit den Vorteilen digitaler Lehre kombinieren, um einen Mehrwert zu erreichen.

Klar verliere ich (und die Hörer*innen) bei puren Online-Formaten einen großen Teil an nichtverbaler Kommunikation wie Körpersprache etc. Ich kann aber auch an Partizipation gewinnen, indem ich Chats einsetze (bei denen die Hemmschwelle weit niedriger ist als im Klassenraum bei einer Meldung) oder moderne Brainstorming-Tools wie Mentimeter oder Klaxoon. Dies kommt insbesondere großen Veranstaltungen zugute.

 

Ferner kann auch durch asynchrone Elemente wie Recordings und E-learnings die Erreichbarkeit einer größeren Anzahl an Studierenden erreicht werden, die dann die Inhalte zu ihrer präferierten Zeit und in ihrem eigenen Tempo konsumieren. Schließlich sind die logistischen Herausforderungen bei Onlineformaten wesentlich geringer als bei Präsenzformaten: Ich habe keine Kapazitätsgrenzen bei Räumen, kann alle Medien einsetzen (PPT, Filme, Whiteboard, Quizzes) und jederzeit das Plenum in Breakouts unterteilen, die ich dann nacheinander „besuche“. Somit kann man auch in großen Veranstaltungen „seminarähnliche“ Bedingungen mit all ihren Vorteilen erreichen.

 

Schließlich ist es auch einfacher, namhafte Gastreferenten für Onlineformate zu rekrutieren, ohne jede Logistik und mit einem wesentlich geringeren Zeitaufwand. Wenn ich diese Vorteile dann kombiniere mit den (in normalen Zeiten vorhandenen) Vorzügen eines Präsenz-Segmentes, dann haben wir wirklich das sprichwörtliche „Best of both worlds“ und einen enormen Mehrwert für alle Beteiligten.

 

Am konkretesn Beispiel: Markteintrittsstrategie, mit und ohne Verwendung digitaler Lehrmethoden

 

In meiner Außenhandelsvorlesung mit 100 Hörern und Hörerinnen ging es um Kriterien für eine Marktpotenzialanalyse, wie z. B. ökonomische, judikative, politische und sozio-kulturelle Faktoren. Das kann man natürlich auch mit Powerpoint und einer Menge Bullets vermitteln, muss man aber nicht so machen.

Wir haben eine Live-Übung daraus gemacht und im Vorlesungszeitfenster Gruppen gebildet, die dann in Breakout-Rooms diese Analyse mittels Weltbank- und WTO-Datenbanken durchgeführt haben. Ich habe dann die Gruppen besucht und, wo nötig, Hilfestellungen gegeben.

In einer sogenannten „Massenveranstaltung“ konnten wir seminarähnliche Bedingungen schaffen, und so musste sich jeder aktiv einbringen.

Danach gab es Vorträge im Plenum. Natürlich geht das auch in der Präsenzlehre, aber nur mit einem hohen logistischen Aufwand oder mit verschobenen Zeitfenstern, die keine synchrone Interaktion mit dem Dozenten erlauben. Und das führt dann oft dazu, dass wir wieder mit Powerpoint und Frontalveranstaltungen arbeiten, die schlechter in digitalen Formaten realisierbar sind.

 

Fazit

 

Ich bin wirklich kein Experte in Online-Lehre und vor 6 Wochen wusste ich nur, dass eine 1:1-Übersetzung von Präsenzformaten in digitale Formate einen Qualitätsverlust mit sich bringen würde.

Es gibt allerdings keine Knappheit an Literatur und Erfahrungen (siehe die Veröffentlichungen der Harvard Business School zur Online-Lehre) und mit etwas Literaturstudium und Experimentierlust kann man schon relativ schnell viel erreichen. Die Rückmeldungen der Studierenden sind sehr gut und es hilft mir auch sehr, sie in den Verbesserungsprozess einzubinden.

Online-Lehre kann meines Erachtens eine erhebliche Bereicherung für alle Seiten sein, zusätzlich zur Präsenzlehre. Trotzdem kann ich den Tag kaum erwarten, meine Hörerinnen und Hörer persönlich kennenzulernen.

Zur 100%-igen Präsenzlehre werde ich allerdings nicht mehr zurückkehren.

 

Bericht: Markus Schwarz